Eine der ersten Sprachaufnahme des Albanischen, die Stimme eines Albaners aus dem Jahre 1914.
Der österreichische Sprachwissenschaftler und Gelehrte Norbert Jokl (1877-1942) wurde im südmährischen Bisenz (Bzenec) als einziges Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Er besuchte ein deutschsprachiges Staatsgymnasium in Ungarisch Hradisch (Uherske Hradiste), wo er im Juli 1895 seine Reifeprüfung mit Auszeichnung ablegte. Nach Wien umgezogen, studierte er Rechts- und Staatwissenschaften und promovierte in diesen Fächern im Jahre 1901. Er trat zuerst als Rechtspraktikant beim Landesgericht Wien an, gab seine juristische Laufbahn nach wenigen Monaten aber auf, um sich an der Philosophischen Fakultät dem Studium der Sprachwissenschaft zu widmen. Er studierte indogermanische Sprachwissenschaft bei Paul Kretschmer (1866-1956) und Romanistik bei Wilhelm Meyer-Lübke (1861-1936) sowie Slavistik bei Vratoslav Jagi (1838-1923) und Václav Vondrák (1859-1925). Als Hauptfach wählte er Slavistik, u.a., weil er von Kindheit her des Tschechischen mächtig war. Im Jahre 1903 trat er während des Studiums als Praktikant in den Dienst der Universitätsbibliothek ein und nach einer zweiten Promotion summa cum laude im März 1908 war er - ab 1923 als Oberbibliothekar - bis zur Beendigung seiner Laufbahn tätig. Im Jahre 1913 erlangte er die venia legendi an der Universität Wien mit besonderer Berücksichtigung des Albanischen, Slawischen und Baltischen und zehn Jahre später wurde er außerordentlicher Professor, eine Stelle, die er bis zu seiner Zwangspensionierung aus Rassengründen am 20. Mai 1938 bekleidete.
Jokl begann albanisch mit der Hilfe von Gjergj Pekmezi (1872-1938) und anderen Albanern in Wien zu lernen. Aus seinem “Vorläufigen Bericht über seine nordostgegischen Dialektstudien,” den er im Jahre 1914 der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vorlegte, wurde schon klar, dass sein Augenmerk primär den Regionalunterschieden des Nordalbanischen galt.
Norbert Jokl unterrichtete an der Universität Wien von 1913 bis 1938 und wurde seinerzeit zu einer führenden Figur der deutschsprachigen Albanologie. Im Jahre 1937 anlässlich des 25. Jahrestages der Unabhängigkeit Albaniens wurde ihm die Auszeichnung “Kommandeur des Skanderbegordens” verliehen. Damals besuchte er Albanien zum ersten und zum letzten Mal.
Als im Jahre 1941 das Leben der Juden im Dritten Reich mehr als unerträglich geworden war, versuchte er zu flüchten und eine Anstellung im albanischen Staatsdienst zu bekommen. Im Bewusstsein seines großen Beitrages für die Albanologie genehmigt die albanische Regierung unter italienischer Besatzung sein Ersuch. In einem Brief von 6. Oktober 1941 setzte sich der albanische Kultusminister Ernest Koliqi (1903-1975) für Jokl ein und bot ihm eine Stelle als “Organisator albanischer Bibliotheken” an. Ein Ausreisevisum wurde für ihn mit Fürsprache des italienischen Sprachwissenschaftlers Carlo Tagliavini (1903-1982) beim italienischen Außenministerium beantragt, aber die deutschen Behörden weigerten sich ihm die Ausreise zu genehmigen. Am 2. März 1942 wurde Norbert Jokl von den Nazis verhaftet und am 6. Mai nach Maly Trostinec bei Minsk abtransportiert. Er starb kurz danach entweder schon während des Transports oder im Lager nach der Ankunft. Nähere Informationen über sein grausames Schicksal bleiben ungewiss. Seine Bibliothek und sein Nachlass gelangten im Mai 1943 in die Österreichische Nationalbibliothek.
Norbert Jokl ist Verfasser von ca. sechzig wissenschaftlichen Aufsätzen über die albanische Sprache. Von besonderer Bedeutung ist eine Abhandlung “Linguistisch-kulturhistorische Untersuchungen aus dem Bereiche des Albanischen,” Berlin 1923. Seine “Einführung in die vergleichende historische Grammatik des Albanischen,” an der er von 1913-1937 mühsam und akribisch arbeitete, bleibt unveröffentlicht. Sie befindet sich zusammen mit anderen Manuskripten des Jokl in der Handschriftenabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.
Eine der ersten Tonaufnahmen des gesprochenen Balkan-Albanischen
Im Frühjahr 1914 erfuhr Norbert Jokl von der Anwesenheit einer Gruppe albanischer Zuckerbäcker in Ungarn. Ohne Zeit zu verschwenden, fuhr er dorthin, um sie kennen zu lernen und ihre Mundart zu studieren. Mit Unterstützung der Balkankommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften lud Jokl einen der Arbeiter, einen gewissen Mustafa Abdyli (geb. 1876) aus Vrapçishta bei Gostiwar in Mazedonien, für einen Monat nach Wien ein, um seine Mundart am dortigen Phonogrammarchiv aufzunehmen. Bei der hier zum ersten Mal vorgestellten, ca. fünfminutigen Aufnahme vom 4. April 1914 handelt es sich um eine der frühsten Tonaufnahmen des Balkan-Albanischen. Die ursprüngliche Wachsplatte dieser Aufnahme wird im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bewahrt, dem ich für die freundliche Genehmigung danke, sie dem Publikum hier vorstellen zu dürfen.
Ein Albaner aus Shtirovica in Oberreka, Makedonien. Bildaufnahme von Bajazid Elmaz Doda, ca. 1907. ÖNB/Wien, Bildarchiv, Inventarnummer NB902062B.
Die Aufnahme
(Anfang des Märchens “Die Stute und der Wolf”)
Paska një pelë një vakët. E pela dalka e shkuaka prej shtëpisë, e shkuaka e kullotka. Kullotka e ardhka në shtëpi. Prej shtëpisë del e shkon në fushë. Prej fushe vjen e vjen në shtëpi. Prej shtëpisë del e shkon në fushë. E kulloten si kulloten, shkon në fushë si shkon në fushë, e u çuaka pela e mbajtka katërmbedhjetë muaj. Katërmbedhjetë muaj, i ardhka vakti me pjell. Pjellka, e u bëka mazi. Si u bëka mazi, kana rrit. Si kana rrit, shkuaka pela e kullotka në fushë. E kullotka e ardhka në shtëpi, e del prej shtëpisë e shkon në fushë. Prej fushe kulloten e vjen në shtëpi. Si vjen në shtëpi e i thotë mazit: “kur të dalë prej derës unë, e ta më çelish derën,” thotë, e del e shkon në fushë. E vjen në fushë. Prej fushe e thotë:
“Pelo, pelo, çilma derën, se të kam pru barë, kashtë, tagjije.”
Pela, mazi e çelën. Hyn brenda. Si hyn brenda, bëhët: ditë kana, natë kana bërë.
Übersetzung:
Es war einmal eine Stute. Und die Stute ging aus und ging von zu Hause weg, und ging und weidete. Sie weidete und kam nach Hause. Vom Hause geht sie aus und geht ins Feld. Vom Feld kommt sie und kommt nach Hause. Vom Hause geht sie fort und geht ins Feld. Und sie weidet wie sie weidet, geht ins Feld, wie sie ins Feld geht, und die Stute wurde belegt und sie trug [war trächtig] vierzehn Monate. Vierzehn Monate, da kam ihr die Zeit zu gebären. Sie gebar und es entstand ein Fohlen. Wie das Fohlen entstand, wuchs es heran. Wie es heranwuchs, ging die Stute und weidete im Feld. Sie weitete und kam nach Hause, und geht vom Hause fort und geht ins Feld. Vom Feld weidet sie und kommt nach Hause. Wie sie nach Hause kommt, (und) sagt sie dem Fohlen: “Wenn ich von der Tür weggehe, (und) schließe du die Tür,” sagt sie. Und sie geht aus und geht ins Feld. Und kommt ins Feld. Vom Feld und sagt:
“Stute, Stute, öffne die Tür, denn ich habe dir Gras, Heu und Hafer gebracht.”
Die Stute ... das Fohlen öffnet sie [die Tür]. Sie tritt hinein. Wie sie hineintritt, geschieht es. Tag war’s. Nacht wurde es.
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shtrungë mollë pemë pesë venë sy vesh, vesha katund vdorë (borë) brymë, bryma punë dëllënjë me u rrit unë e shkruaj vorbë, vorba mollë, molla pej truallit zot, zoti të afrohesh ethe shteg unë e bëj zdrohët mjeli luaj muaj buz, dy buza
[unë] e di ne e dimë ju dini diell shat kur me lidh
Hürde
Apfel
Obst
fünf
Wein
Auge
Ohr, das Ohr
Dorf
Schnee
Reif, der Reif
Arbeit
Wacholder
sich rasieren
ich schreibe
Topf, der Topf
Apfel, der Apfel
vom Erdboden
Herrgott, der Herrgott
nähere dich
Fieber
Weg
ich mache
fürchtet sich
ich melke
spiele
Monat
Lippe, zwei Lippen
ich weiß
wir wissen
ihr wisset
Sonne
Haue
wann
binden
[Einleitung: Robert Elsie. Aufnahme: Ph 2351 – Ph 2353, aufgenommen im Phonogrammarchiv, Wien, am 4. April 1914 von Leo Hajek. Transkription und Übersetzung: nach den Protokollen zu Ph 2351 – Ph 2353, verfasst von Norbert Jokl. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Zentrum Sprachwissenschaft, Bild- und Tondokumentation, Phonogrammarchiv www.pha.oeaw.ac.at]